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Probleme des Konsequenzialismus

Man kann Ethiken danach einteilen, welche Phase sie zur Beurteilung des Handelns heranziehen: das Vorher, das Währenddessen oder das Nachher. Nach einer Handlung stehen die Konsequenzen. Ethiken, die Handlungsentscheidungen von ihren Konsequenzen abhängig machen, nennt man konsequenzialistisch.

Beispiele f√ľr konsequenzialistische Ethiken sind der ethische Egoismus, demzufolge man so handeln m√∂ge, dass man seine eigenen Interessen am besten erf√ľlle, und der Utilitarismus, demzufolge man jene Handlungsoptionen w√§hlen m√∂ge, die den Nutzen global maximieren. Der Gedanke ist verlockend und scheint einfach: Gutes Handeln bewirkt Gutes. Am besten handelt man so, dass man das Beste bewirkt.

Der Konsequenzialismus hat aber ein fundamentales Problem, das sich in folgender Frage ausdr√ľckt: Woher kennen wir die Konsequenzen einer Handlung, bevor sie eintreten?

Experimente können manches klären: Soll man eine Tomatenpflanze im Gewächshaus gießen? Man gieße drei Versuchstomaten, gieße drei andere Versuchstomaten nicht, beobachte die Konsequenzen dessen und folge bei eindeutigem Ergebnis der Annahme, dass die Konsequenzen des gleichen Gießverhaltens bei anderen Tomatenpflanzen vergleichbar sein werden.

Doch viele Fragen eignen sich nicht f√ľrs Testen der Optionen, beispielsweise weil das zu lange dauern w√ľrde oder es um etwas Einzigartiges geht, sodass wir nur einen Versuch haben: Sollen wir das Verbrennen fossiler Energietr√§ger unterlassen und so das Klima auf der Erde stabilisieren? Bei Fragen mit bekannten Gesetzm√§√üigkeiten wie dieser kann man auf Simulationen ausweichen.

Das Verhalten komplexer Systeme l√§sst sich im Allgemeinen allerdings nicht vorherberechnen, wie der Film Jurassic Park von 1993 eindrucksvoll illustrierte. Selbst wenn die Zukunft vollkommen durch den heutigen Zustand der Welt vorherbestimmt w√§re, k√∂nnten wir den heutigen Zustand unm√∂glich genau genug kennen, um zuk√ľnftige Entwicklungen exakt zu prognostizieren.

Wenn man nicht mit Gewissheiten rechnen kann, kann man womöglich mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Doch es gibt noch ein zweites fundamentales Problem: Die Konsequenzen des Handelns sind nicht beschränkt; sie setzen sich in einem Kausalgeflecht immer weiter fort. Um eine Bewertung vornehmen zu können, muss man bei Simulationen hingegen einen Schlussstrich ziehen. Aber wann?

W√§hrend Simulationen f√ľr manche Probleme wie die Beeinflussung des Klimas oder Ma√ünahmen zur Seucheneind√§mmung in Grenzen praktikabel sein m√∂gen, d√ľrften sie bei wichtigen Entscheidungen, vor denen einzelne Menschen stehen, selten m√∂glich sein. Hier kann man noch Mutma√üungen √ľber m√∂gliche Folgen anstellen, gegebenenfalls auf einen Erfahrungsschatz zur√ľckgreifend.

Soll ein Kind nach einem Umzug in eine Nachbarstadt die Schule wechseln? Kurzfristig mag ein Wechsel mit Trennung vom Freundeskreis und Bruch im Lehrstoff nachteilig sein. Mittelfristig mag √ľberwiegen, dass der Wechsel dem Kind einen kurzen Schulweg, sp√§teres Aufstehen und mehr Freizeit nach der Schule sichert. Die ferne Schule mit hohem Ansehen k√∂nnte langfristig bessere Berufschancen bieten.

Auch bei Mutma√üungen stellt sich die Frage, wie weit man Szenarien durchdenkt. Ein ethischer Egoist m√ľsste √ľber die Entwicklung maximal bis zu seinem Tod spekulieren, aber was macht der Utilitarist, f√ľr den ein ‚ÄěNach uns die Sintflut‚Äú nicht infrage kommt? Vielleicht ist er geneigt, bei einem Stand abzubrechen, der ein schon vorhandenes, ethisch unbegr√ľndetes Bauchgef√ľhl best√§tigt¬†‚Ķ

Ich sehe nicht, wie man allgemein dem konsequenzialistischen Anspruch gerecht werden k√∂nnte, Handlungsentscheidungen tats√§chlich anhand ihrer Folgen zu f√§llen. √úbrig bleibt die ehrenwerte Absicht, die besten Konsequenzen herbeizuf√ľhren. Nur entwickeln sich Dinge erfahrungsgem√§√ü oft anders, als man erwartet, sodass der alleinige Fokus auf den beabsichtigten Zweck mir nicht gerechtfertigt scheint.