Mit den Füßen zoomen?
Eine Frage der Perspektive

Objektive kann man danach unterscheiden, ob es sich um Zoomobjektive oder solche mit fester Brennweite handelt. Ein Zoomobjektiv bringt auf den ersten Blick den Vorteil mit sich, dass man über die Veränderung des Bildwinkels/der Brennweite verschieden weit entfernte Objekte „gleich nah heranholen“ kann. Mit einem Zoomobjektiv ist man daher flexibel unterwegs. Diese Flexibilität fehlt bei der Festbrennweite.

Brennweite: 297 mm äquiv.[1]

Ein Objektiv mit Festbrennweite kann einfacher konstruiert werden, was andere Vorteile bringt: Ein solches Objektiv kann kleiner, leichter und günstiger als ein Zoomobjektiv gebaut werden, weswegen man in seinem Smartfon[2] in der Regel eine Festbrennweite findet. Andererseits erlaubt die Spezialisierung auf eine Brennweite, viel weniger Kompromisse einzugehen. Das Objektiv kann präzise für diesen einen Bildwinkel perfektioniert werden und so höchste Bildqualität erbringen.

Brennweite: 93 mm äquiv.

Flexibilität verschiedener Brennweiten und Vorteile der Festbrennweite kann man zwar unter einen Hut bringen, wenn man eine Kamera mit mehreren Wechselobjektiven einsetzt. Doch nicht jeder, der Festbrennweiten bevorzugt, möchte immer mehrere Objektive mit sich herumschleppen. So ist mancher Fotofreund tatsächlich mit nur einer einzigen Festbrennweite unterwegs. Eine Redewendung, die man in diesem Zusammenhang öfter lesen kann, ist die vom Zoomen mit den Füßen.

Brennweite: 39 mm äquiv.

Mit den Füßen zoomen – damit ist gemeint, dass man mit der Festbrennweite von seinem Standort aus weitergeht, bis man das Gleiche im Bild hat wie durch zoomen mit einem Zoomobjektiv. Ein sportlicher Gedanke, der aber einen Haken hat: In den meisten Fällen ist das überhaupt nicht möglich. Verändert man seinen Standpunkt, ändert sich anders als beim Zoomen nämlich auch die Perspektive.

Brennweite: 28 mm äquiv.

Die Fotos eines Hauses in der Wittenberger Straße in Perleberg zeigen das: Ich „zoomte mit den Füßen“, ging also immer näher heran, und knipste das Haus jeweils bildfüllend. Das Ergebnis sieht wegen der veränderten Perspektive jedes Mal anders aus. Das Bäumchen rechts verdeckt aus der Ferne einen Teil des Hauses, aus der Nähe betrachtet aber nicht mehr. Bei kleinen Brennweiten, wo ich schräg nach oben fotografierte, um das Haus abbilden zu können, scheinen die Wände schief zu stehen – hier spricht man von stürzenden Kanten.

Brennweite: 112 mm äquiv.

Es gibt Programme, um perspektivische Verzerrungen wie stürzende Kanten am Rechner zu verringern. Damit kann man den Bildeindruck manchmal den eigenen Vorstellungen anpassen. Doch man sollte diese Möglichkeit nicht überschätzen. Etwas, das wie die Bäume hinter der Perleberger Friedhofskapelle in einem Foto verdeckt ist, kann man auch mit raffinierten Algorithmen nicht nachträglich zutage fördern.

Brennweite: 28 mm äquiv.

Ein einziges Objektiv mit Festbrennweite bietet selbst kombiniert mit sportlichen Beinen und Programmen zur Bildbearbeitung also nicht die Möglichkeiten eines Zoomobjektivs. Das bedeutet aber auch, dass man die Stärken des Zoomobjektivs erst voll ausnutzt, wenn man nicht an Vergrößerung denkt, sondern über die gewünschte Perspektive nachgrübelt.

Brennweite 52mm äquiv.

Als Konsequenz läuft man mit dem Zoomobjektiv vielleicht sogar mehr als mit der Festbrennweite, zum Beispiel wenn man von einem Haus noch einmal weggeht, um es mit dem Fotoapparat wieder heranzuzoomen und so in Telestellung[3] die stürzenden Kanten einer gekippten Weitwinkelaufnahme[4] zu vermeiden. Zoomen und Laufen sind in der Regel keine gleichwertigen Alternativen, sondern ergänzen einander bei der Bildkomposition.

Brennweite 28mm äquiv.

Zu guter Letzt: Keine Regel ohne Ausnahme – eine frontal fotografierte Wand ist platt und steht parallel zur Bildebene. Zoomen und Herangehen machen da kaum einen Unterschied, sodass man die Normal- und Weitwinkelaufnahme fast nicht auseinanderhalten kann. Da die Ziegel der Salzwedeler Stadtmauer schon etwas „angefressen“ sind, erkennt man im schnellen Wechsel der Bilder aber selbst hier schon kleine perspektivische Unterschiede in den Höhen und Tiefen des Gemäuers.


[1]
Es hat sich im Zeitalter der digitalen Fotografie mit ihren verschiedenen Sensorgrößen eingebürgert, beim Vergleich von Objektiven nicht die tatsächliche Brennweite anzugeben, sondern jene Brennweite, die ein Objektiv fürs Kleinbildformat (= Größe eines „Vollformatsensors“) mit demselben Bildwinkel hätte – äquiv. steht in diesem Sinne für kleinbildäquivalent.
[2]
Smartfon ist polnisch für finnisch älypuhelin.
[3]
Tele heißt fern, was man auch aus Television = Fernsehen kennt. Das Zoomobjektiv ist in Telestellung, wenn eine große Brennweite eingestellt ist.
[4]
Einen großen beziehungsweise weiten Bildwinkel bildet man mit kleiner Brennweite ab.