Durch die Silge
vor dem Bau der A 14

Eine neue Autobahn wird durch die Prignitz gebaut. Die A 14 soll die größten Städte Sachsens und Sachsen-Anhalts mit der mecklenburg-vorpommerischen Landeshauptstadt Schwerin und der Ostsee bei Wismar verbinden. Zwischen Wittenberge und Groß Warnow quert die Trasse den Nordwestzipfel Brandenburgs – ein Stück, das der Tagesspiegel als „Neue Autobahn im Niemandsland“ betitelt.[1]

So ganz stimmt das nicht mit dem Niemandsland. Am Elbübergang liegt zunächst die Stadt Wittenberge. Sie begrüßt den Bau und erhofft sich wirtschaftliche Impulse.[2] Nördlich von Wittenberge wird die Bundesautobahn 14 dann durch die Silge führen, einen tatsächlich von Menschen quasi unbewohnten Landstrich. Bevor zig Tausende Kraftwagen durch sie rollen, ergriff ich am 4. Oktober 2013 die Gelegenheit, mit Migo die Silge von Wittenberge nach Norden zu durchwandern.

Ein Nebengelass in Wittenberge steht dem New Yorker Flatiron Building kaum nach.

Im Norden von Wittenberge liegen die Ortsteile Lindenberg und Bentwisch. Denke ich an Lindenberg, fährt mir erst einmal ein „Phantomschmerz“ in den linken Fuß, mit dem ich dort gegen ein auf dem Fußweg umgekipptes Warnschild stieß. Autsch.

Apropos Schild, in Wittenberge und Lindenberg fielen mir mehrere Schilder auf, die darauf hinweisen, dass § 1 der Straßenverkehrsordnung gilt. § 1 gebietet Vorsicht, gegenseitige Rücksichtnahme, Gefahrenvermeidung. Einerseits ist es löblich, wenn Verkehrsteilnehmer sich den Inhalt dieser Grundregeln vergegenwärtigen, andererseits finde ich es als Straßenschild etwas bizarr. Es könnte der falsche Eindruck entstehen, § 1 gelte ohne Schild nicht. Dabei gilt er überall.

Eichenblätter über schmalem Weg Schild: es gilt § 1 der StVO Schild, in Birke eingewachsen: 6804 Labrador gähnt hinter Maiglöckchen-Früchten Plakette mit Nummer an einem Baum Weg und Graben am Wiesenrand
Von Lindenberg bis an den Dorfrand Bentwischs – einem Modell zufolge könnte die Autobahn hier durchführen. Mit „langsam fahren“ und gähnenden Hunden könnte dann Schluss sein.

Durch Lindenberg führte einst die Eisenbahnstrecke von Wittenberge nach Lüneburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der ostelbische Teil allerdings demontiert, sodass ich auf ihrem Verlauf spazieren konnte. In Niedersachsen existiert der westelbische Teil im Wesentlichen noch als Wendlandbahn.

Als Anwohner wäre mir eine alte Bimmelbahn lieber als eine neue Autobahn. Dass die Autobahn kommt, ist aber sicher. Der exakte Streckenverlauf im Bereich Bentwisch/Lindenberg steht hingegen noch nicht endgültig fest. Ein Entwurf sieht vor, die Autobahn zwischen beiden Orten hindurchzulegen, um sich auf kürzestem Weg an die Berlin-Hamburger Bahn zu schmiegen, die als Schnellfahrtstrecke bereits den Osten der Silge durchschneidet.

Dorfansicht von Bentwisch mit Kirche Hopfen Wassergraben mit Wiese und fernen Rindern Pflanzen unter der Wasseroberfläche Unbefestigte Allee Wassergraben mit Wehr
Von Bentwisch in die Silge – die vielen Wassergräben deuten darauf hin, dass diese Landschaft einst sumpfig war.

Will man die Anwohner schonen und die Autobahn in einem größeren Bogen um die Orte herumführen, wie ein anderer Entwurf vorsieht, wird die schützenswerte Silge weiter zerstückelt. Die Silge ist Bestandteil des großräumigen UNESCO-Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe und des europäischen Vogelschutzgebietes Unteres Elbtal; große Teile sind als Fauna-Flora-Habitat und kleinräumige Bereiche als Naturschutzgebiete ausgewiesen.

Dass die Variante zwischen den Orten bei Naturschützern, die Alternative in größerem Bogen bei Anwohnern auf mehr Zuneigung stößt, dürfte nicht überraschen. Gegen Naturschutz sind die wenigsten Menschen, aber die von solchen Projekten Betroffenen erwarten verständlicherweise, dem Schutz der Menschen mindestens so große Beachtung zu schenken. „Ist ein Kröte wichtiger als mein Kind?“, so oder so ähnlich heißt es dann.

Himmel mit Raubvogel Eiche am Wegesrand Schild: Reitweg Buchen im Wald Kleiner Wall Waldboden
Wald in der Silge – war der kleine Wall Grenzmarkierung, entstand er beim Anlegen eines Entwässerungsgrabens oder diente er einem anderen Zweck?

Naturschutz also nur, wenn Menschen dadurch nicht das Nachsehen haben? Das klingt erst einmal gut, verkennt aber einen entscheidenden Punkt: Naturschutz kann ohne Einschränkung von Menschen überhaupt nicht existieren! Denn wovor schützt der Naturschutz Lebewesen und ihre Lebensräume – vor bösen Geistern, vor Außerirdischen? Nein, er schützt vor einem zerstörerischen menschlichen Einfluss.

Das heißt nicht, Naturschutz würde der Menschheit schaden. Im Gegenteil – wer würde schon eine zubetonierte, vermüllte Landschaft mit verdreckter Luft und verschmutzten Flüssen bar großer Tiere einer vielfältigen, lebendigen Natur vorziehen? Die Menschheit profitiert von Umwelt- und Artenschutz, aber bei jeder konkreten Maßnahme gibt es tatsächlich immer auch Menschen, deren Interessen beschnitten werden.

Pilz Wehr Labrador Retriever mit Minibuche Unter Farnen Nadelbäume Pilz im Wald
Eindrücke aus der Silge mit Pilzen

Betroffene mögen diese Worte vielleicht als herzlos empfinden und den Vorschlag auf der Zunge haben, eine Autobahn durch meinen Garten bauen zu lassen. Doch das ist die Wahrheit. Eine andere Frage ist allerdings, wie man Betroffene entschädigt. Ich plädiere für viel umfangreichere Entschädigungen von Anwohnern, als der Gesetzgeber es vorsieht, und habe dies im Artikel „Ein positiver Saldo reicht nicht“ dargelegt.

Vom Menschen vermutlich kaum beeinflusst war die Silge bis vor rund 250 Jahren. Im 18. Jahrhundert vergrößerte der preußische König Friedrich II. sein Territorium nicht nur durch Kriege, sondern setzte auch auf Landgewinn durch Entwässerung großer Sumpfgebiete wie dem Oderbruch und der Silge. So ist vom ursprünglichen Erlenbruchwald nur ein kleiner Teil erhalten und es entstand die heutige Kulturlandschaft.

Moddriger Boden Baumstumpf mit Maschendrahtzaun Grüne und gelbe Eichenblätter Baumbüschel Kranichteich Ufer des Kranichteichs
Silge mit Kranichteich – Fallen für Tiere lauern derzeit in Form alter Maschendrahtzaunreste. Die Autobahn wird sehr wahrscheinlich mehr Opfer fordern.

Migo und ich wanderten zum ersten Mal Anfang Oktober 2012 auf unserem Weg von Wittenberge nach Lenzen durch die Silge, damals allerdings in ihrem Südwesten. Diesmal, ein Jahr später, gingen wir durchs Herz der Landschaft im Grenzgebiet von Wittenberge, Karstädt, Lanz und Perleberg, wo die Naturschutzgebiete Krötenluch und Kranichteich liegen.

Zahlreich fielen mir auf dieser Wanderung Spuren der größten Nagetiere Europas auf. An den Wassergräben entlang des Weges zeigten die angespitzten Baumstümpfe und teils liegengebliebenen Stämme eindeutig, wer hier Nahrung und Baumaterial beschafft hatte: Biber. Obacht – Stolpern kann da schlimme Folgen haben. Gerüchten zufolge fürchten selbst Vampire die von friedfertigen Bibern gefertigten Pflöcke.

Wassergraben mit Wehr im Wald Überreste von Bibern gefällter Bäume Wiese in der Prignitz Wiesengraben Bäume und Sträucher am Weg bilden einen grünen Tunnel Traktor auf Wiese
Am Nordrand der Silge … where vampires fear to tread

Als Migo und ich den Nordrand der Silge erreichten, war unsere Wanderung noch nicht zu Ende. Na klar, irgendwie mussten wir nach Hause kommen. Wir erreichten Perleberg über die Wüstung Kuhwinkel und die Dörfer Dergenthin und Sükow. Von diesem Weg zeige ich demnächst in weiteren Artikeln Bilder aus Kuhwinkel und der Dergenthiner Siedlung Am Bahnhof, zwischen denen die A 14 ebenfalls hindurchführen wird.


[1]
A 14 durch die Prignitz: Neue Autobahn im Niemandsland. Tagesspiegel Online, 5. Mai 2013, abgerufen am 30. März 2014.
[2]
Es geht los mit der A 14. www.wittenberge.de, 30. Juni 2011, abgerufen am 30. März 2014.