Jessica Pierce: Run, Spot, Run

Das Buch mit dem Untertitel The Ethics of Keeping Pets gibt einen breiten Überblick über ethisch relevante Fragen rund ums Halten von Haustieren – beispielsweise bei den Bedürfnissen der Tiere, ihrer Nahrung, medizinischer Behandlung, dem Geschäft mit den Tieren und mit Utensilien fürs Tier, der pädagogischen Wirkung auf Kinder, Tierheimen, Euthanasie/Tötung und ökologischen Auswirkungen der Haustierhaltung.

Die Autorin flechtet ins Buch eigene Erfahrungen mit der Haltung zahlreicher Haustiere ein, insbesondere eigene Fehler, sowie Problematisches, was sie in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis beobachtet. So hatte ich als Leser nie den Eindruck, eine von einer hohen Kanzel gehaltene Rede zu lesen. Aber das Buch beschränkt sich nicht auf eigene Erfahrungen, sondern wirkt gut recherchiert und ist mit Quellenangaben gespickt. Jessica Pierce hinterfragt dabei Studien und Statistiken aufmerksam und ordnet ihre Aussagekraft vernünftig ein.

Trotz Fokus auf die Haustierhaltung in den Vereinigten Staaten von Amerika ist Run, Spot, Run auch für Menschen anderenorts, die gern mit Tieren leben möchten und des Englischen mächtig sind, empfehlenswert. Es wird gewiss selbst vielen erfahrenen Tierhaltern noch die Augen für Probleme öffnen, über die sie noch nie nachgedacht haben. Ich habe beim Lesen Neues gelernt.

Zum Ende des Ende des Buches schreibt die Autorin:

Ethical issues are often presented as a choice between right and wrong: either you are for something or against it. But some ethical quandaries don’t fit into this tidy mold, and pet keeping is one of them. I hope that after reading this book you feel less certain about whether pet keeping is ethical than you did on page one. If so, then I’ve been successful.1

In diesem Zitat zeichnet sich allerdings auch das Fehlen von etwas ab, worauf ich bis zum Ende des Buches hoffte und was ich nicht zufrieden­stellend fand: Antworten. Jessica Pierce schlägt zwar Maßnahmen vor, die zu einem besseren Leben von Haustieren führen sollen, aber diese sind kaum begründet. Für das The Ethics im Untertitel ist das Buch philosophisch extrem dünn.

Die Autorin schreibt:

[…] it is my humble opinion that once we have chosen to bring an animal into our home, we have an obligation to do the best we can to provide this animal with a good life.2

Doch ist es tatsächlich nur eine Frage der Meinung, ob wir unseren Haustieren ein gutes Leben ermöglichen müssen? Gibt es denn keine zwingenden Gründe? Eine Auseinander­setzung mit dieser Frage beziehungsweise mit Philosophen, welche sich in der Vergangenheit mit ihr beschäftigt haben, enthält das Buch nicht.

Ein philosophisches Fundament hätte womöglich auch geholfen, einige Widersprüche aufzulösen, welche die Autorin aufzeigt. Wie etwa bringt man hohe Ansprüche an die Haustierhaltung und die viel geringeren an die Haltung von „Nutztieren“ unter einen Hut? Wie ist zu bewerten, dass die Kastration von Hunden in den USA quasi obligatorisch ist, in Norwegen ohne medizinischen Grund aber verboten?

Wie gesagt: Ich würde Run, Spot, Run von Jessica Pierce ungeachtet dieses Defizits weiterempfehlen. Der Untertitel, The Ethics of Keeping Pets, ist allerdings zu groß für das Buch.

Run, Spot, Run ist in vier Teile mit insgesamt 48 thematischen Abschnitten unterteilt, die jeweils wenige Seiten umfassen und voneinander weitgehend unabhängig sind. Querverweise werden gegebenenfalls explizit gegeben. So kann man sich nach Interessenlage auch einen eigenen Weg durchs Werk bahnen. Ein Index hilft beim Finden gesuchter Stellen. Das Buch erschien 2016 bei The University of Chicago Press.


1: Run, Spot, Run, Kapitel 48. Unautorisierte Übersetzung: Ethische Fragen werden oft als eine Wahl zwischen richtig und falsch präsentiert: Entweder bist du für etwas oder dagegen. Doch manche ethische Probleme passen nicht in diese saubere Form, und das Halten von Haustieren ist so ein Fall. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen dieses Buches weniger sicher bist, ob Haustierhaltung ethisch ist, als auf Seite eins. Dann war ich erfolgreich.
2: Run, Spot, Run, Kapitel 43. Unautorisierte Übersetzung: […] es ist meine bescheidene Meinung, dass wir die Verpflichtung haben, das Beste zu geben um einem Tier ein gutes Leben zu verschaffen, wenn wir uns entschieden haben, es in unser Haus zu bringen.