Güterwagen und Menschen auf Gleisen

Fünf Menschen sind auf ein Gleis gefesselt. Ein führerloser Güterwagen rollt auf sie zu. Zwischen dem Wagen und den Menschen gibt es eine Weiche, an der du stehst. Du hast es in der Hand, die Weiche umzustellen und den Wagen auf ein anderes Gleis zu leiten, auf das allerdings ein anderer Mensch gefesselt ist. Was tust du – beziehungsweise was zu tun wäre richtig?

Diese Fragestellung ist so oder in verwandter Form ein beliebtes Problem in der Ethik und wird manchmal als Trolley-Problem bezeichnet. Ähnliches wurde jüngst im Zusammenhang mit selbstfahrenden Autos diskutiert: Wie soll eine Maschine zwischen Menschenleben abwägen, wenn ein Unfall unvermeidlich scheint – zum Beispiel den Fußgänger überfahren oder die eigenen Insassen an einen Baum lenken?

Meine Antwort ist weniger ethischer als technischer Natur: Ich würde die Weiche stellen, während der Wagen auf sie fährt, oder es zumindest versuchen. Entgleist er, werden vielleicht alle Menschen gerettet.

Problemkritik

Dass das Trolley-Problem eines ist, welches sich so in der Praxis stellt, bezweifle ich. Insofern ist es ein Szenarium, das zu spannenden Gesprächen anregen kann. Man sollte sich aber bewusst machen, dass im realen Leben die Handlungsmöglichkeiten kaum auf entweder/oder beschränkt sind, wenn es ums Abwägen von Interessen geht. Das deute ich mit meiner Antwort auch an: Sie stellt sich gar nicht der Frage, ob man einen Menschen opfern soll, um fünf zu retten. Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit zugespitzten Modellproblemen den Blick praktischer Philosophen nicht zu sehr verengt.

Man könnte einwenden, dass ein psychopathischer Philosophie-Student tatsächlich Leute auf Gleise fesseln und ein Wagen auf sie zurollen lassen könnte. In Filmen wie The Dark Knight bringen Superbösewichte die Helden in ähnliche Konfliktsituationen.

Darauf würde ich antworten, dass man in einer absichtlich herbeigeführten Konfliktsituation den Umständen nicht trauen kann. Wer Leute auf Gleise bindet, um sie von einem Güterwagen überrollen zu lassen, kann mit dem Schalter der Weiche auch eine Sprengladung verbunden haben, die in einem benachbarten Supermarkt detoniert. Beim Umgang mit Superbösewichten muss man davon ausgehen, nicht alle Parameter zu kennen. Es wird komplexer.