Gedanken zur Tragik des Zweiten

Zusammenfassung aus einem E-Mail-Austausch zur Veröffentlichung von Erkenntnissen

Die Leistung des zweiten (dritten, vierten, …) Entdeckers ist grundsätzlich nicht weniger beachtlich, weil einem anderen die gleiche Entdeckung bereits früher gelang. Es ist das Glück des Ersten, vielleicht die Gnade der früheren Geburt, dass er meist und freilich verdient Anerkennung erhält, während Spätere für ihre unabhängige Entdeckung wenig Anerkennung erfahren.

Eine Einschränkung dieses Gedankens ist, wenn der spätere Entdecker sich neuer, nützlicher Werkzeuge bedienen kann, die dem ersten noch nicht zur Verfügung standen. Die Pionierleistung ist dann besonders zu achten. So wäre eine Umrundung der Erde in 80 Tagen heute mit dem Verkehrsflugzeug viel leichter als im viktorianischen Zeitalter, wie es George Francis Train bereits vor Jules Vernes berühmten Roman gelang.

Tragisch für einen Zweiten ist, wenn seine Leistung nicht nur kaum Anerkennung erfährt, sondern der Zweifel nagt, er könne sich die Arbeit des Ersten unrechtmäßig zu eigen gemacht haben. So ist der einzige Lohn für eine geniale Leistung manchmal der Makel des Plagiatsverdachts.

Man kann Menschen andererseits das Zweifeln schwer übelnehmen, denn Plagiate gibt es tatsächlich. Insbesondere wenn die Idee einfach ist – und viele geniale Erfindungen sind wie eine Büroklammer im Kern einfach – kann man einem Plagiator kaum durch fehlendes Hintergrundwissen nachweisen, dass es nicht seine Erfindung sein kann.

Der beste Weg, keinen Plagiatsverdacht auf sich zu ziehen, mag eine Veröffentlichung als Erster sein. Andererseits möchte man eigentlich nichts überhasten und lieber alles doppelt überprüfen – gegebenenfalls auch durch andere überprüfen lassen –, denn eine Entdeckung bekanntzugeben, die sich dann als Irrtum herausstellt, kann dem eigenen Ruf sowie dem Ansehen der Forschungsgemeinde schaden.

Manch einer forscht allein für sich selbst, aus reiner Freude und Interesse, ohne jeglichen Wunsch nach Anerkennung. Das ist famos und mit diesem Ansatz braucht man sich über eine Tragik des Zweiten keine Gedanken zu machen. Doch gerade der Mut zum Veröffentlichen, das Teilen der Erkenntnis mit anderen, bringt uns allen Fortschritt, wofür ich dankbar bin.

Kommentare

  1. 10:44, 19. April 2016

    Ab wann ist man 'Erster'? Einstein war Schwach in Mathe, bekam Hilfe von einem Mathematiker. Führte regen Austausch mit Anderen. Und Bewiesen haben es Andere. Oder Flemming. Das war Zufall, dass er sah, seine Bakterien wichen Zurück, von einer Verunreinigung. Darwin und Whitman hatten den gleichen Gedanken zur Evolution. Viele Theorien wurden von Vielen bearbeitet. Patente zu erheben stört Forschung. Wer also war Erster, wenn man zB kein Patent erheben will?

  2. 11:17, 19. April 2016

    „Schwach in Mathe“ ist mindestens so relativ wie Zeit und Raum, @1. ;)

    Deinen Hinweis, dass oft nicht einer allein, sondern mehrere Menschen zu einer Erkenntnis beigetragen haben – manchmal in direkter Kooperation, oft einer aufbauend auf dem Werk anderer –, möchte ich unterstreichen. Dazu hatte ich letztens auch etwas in einer E-Mail getippt, dass ich hier einfach mal hineinkopiere:

    „Es gibt in der Wissenschaft das schön Bild von Zwergen, die auf den Schultern von Riesen stehen. Wenn heute jemand etwas entdeckt – also in gewisser Weise weiter blickt als je ein Mensch zuvor – dann tut er das oft aufbauend auf der Arbeit anderer, symbolisiert durch die Riesen. Ohne auf deren Schultern zu stehen, wäre er nur ein kleiner Zwerg auf dem Boden, der nie so weit blicken könnte. Auch dann könnte er etwas entdecken, aber doch nur etwas weit weniger Fortschrittliches.“

    Martin

  3. 13:02, 19. April 2016

    Vlt wäre die Leiter geeigneter als Parabel, um Überhöhungen zu umgehen: Jede neue Sprosse führt weiter. Allerdings werden damit (lehrreiche) Rückschritte (noch) nicht gewürdigt. Oder mit Jule Verne: Auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit einem Schritt.

    Ich will jetzt nen Fruschtzwerg.

  4. 13:06, 20. April 2016

    Wieder gute Überlegungen, Martin!

    Nur, was folgenden Aspekt angeht, sehe ich es anders (bis jetzt).

    "denn eine Entdeckung bekanntzugeben, die sich dann als Irrtum herausstellt, kann dem eigenen Ruf sowie dem Ansehen der Forschungsgemeinde schaden."

    Ich finde, während man eine tatsächliche oder vermeintliche Neu-Entdeckung bekannt macht, kann man doch mit Datumsangabe ohne Weiteres erwähnen, dass man nach bestem Wissen und Gewissen dabei ist, diese Entdeckung zu formulieren. Sobald man einen neuen Stand des Wissens habe, fügt man dies dann oder jeweils wieder hinzu.

    Ein Wissenschaftler, mit dem ich in einem Forum schrieb, empfahl mir damals, von meiner Hypothese eine Historie anzulegen, um die Weiterentwicklungen mitverfolgen zu können. Doch mit einem heutigen Blick in Wikipedia "entdeckte" ich gerade, dass der Begriff "Historie" für so etwas gar nicht vorgesehen ist. Falls du oder jemand anderes mich dahingehend aufklären könnte/st, wäre super.
    Schöne Grüße
    Elisabeth

  5. 17:23, 20. April 2016

    Stimmt Elisabeth, das ist ein interessanter Hinweis. In den Naturwissenschaften zumindest ist es gang und gäbe, dass man Theorien entwickelt und diese immer wieder überprüft und sie eben nur so lange Bestand haben, bis sie durch neue Erkenntnisse erweitert oder gar widerlegt werden. Newtons Ruf wurde sicherlich nicht dadurch ruiniert, dass Einstein zur Gravitation tiefgründige Erklärungen fand, die auch auf Fälle anwendbar sind, bei denen Newtons Gleichungen in die Irre führen.

    Es ist also vielleicht gar nicht so sehr ein Problem in der Wissenschaft, sondern vielleicht mehr in der medialen Darstellung. Wenn beispielsweise eine Zeitung eine wissenschaftliche Entdeckung überhöht als unumstößliche Wahrheit darstellt – auch wenn der Forscher sich selbst in seiner Arbeit zurückhaltender ausgedrückt hatte – und sich die Entdeckung nachher als unzulängliche Beschreibung der Natur herausstellt, dann mag die Öffentlichkeit enttäuscht sein, obschon man in der Wissenschaftsgemeinde damit vielleicht gelassener umgeht, weil es im Prinzip normal ist, dass Modelle wieder verworfen werden.

    Zumindest für eine öffentlich finanzierte Forschung ist die öffentliche Meinung allerdings auch wichtig, sodass es vermutlich ratsam ist, soweit möglich darauf zu achten, bei aller Freude über Entdeckungen auch die Unsicherheiten und Einschränkungen zu kommunizieren – im Prinzip Verständnis auch für die wissenschaftlichen Methoden und nicht nur Begeisterung für die Ergebnisse zu wecken.

    Zum Wort „Historie“ denke ich schon, dass man das so nennen kann. Das Wort hat eben mehrere Bedeutungen. Wikipedia selbst ermöglicht einem bei jedem Artikel die „Versionsgeschichte“ einzusehen (in der englichen Wikipedia heißt dieselbe Funktion „history“), nämlich wie und wann und von wem der Artikel bearbeitet wurde. Das ähnelt dem, was Du beschreibst, oder?

    Schöne Grüße, Martin

  6. 20:29, 20. April 2016

    Passend zur Tragik des Zweiten gibt es auch eine Tragik des Ersten, der seine Erkenntnisse nicht, oder nicht so wirksam präsentiert (hat), wie derjenige, dem die Erkenntnisse zugeschrieben werden.

    So kann es geschehen, dass jemand in seinem Keller die Klaviaturkrawatte erfindet, sich nichts darauf einbildet und Jahrzehnte später von einem Klaiviaturkrawattentrend überrascht wird, dess Ursprung ihm nicht zugestanden wird, weil er sich nicht zur rechten Zeit "gemeldet" hat.

  7. 22:22, 20. April 2016

    Ja, tatsächlich @6. Erst kürzlich lernte ich in einem Blogbeitrag (http://www.johndcook.com/blog/2016/03/23/cornus-spiral/) „Stiglers Gesetz der Eponyme“ kennen, demzufolge wissenschaftliche Entdeckungen nie – oder was wohl besser zutrifft: oft nicht – nach ihrem Erstentdecker benannt werden. Manchmal werden sie nach bereits angesehenen Leuten benannt, die die Entdeckung nie selbst gemacht haben, sondern die zum Beispiel ein Standardwerk verfassten und die Entdeckung darin zitierten oder die Entdeckung später auf ein anderes wichtiges Problem anwandten und sie dadurch popularisierten.

    Martin