Spencer Johnson:
Die Mäuse-Strategie für Manager
Veränderungen erfolgreich begegnen

Die Aussage des Ratgebers von Spencer Johnson: Nimm unvermeidliche Veränderungen an, anstatt sie zu verdrängen oder mit ihnen zu hadern. Besser noch, antizipiere die Notwendigkeit von Veränderungen und nimm sie selbst vor. Aus der vermeintlich sicheren Gewohnheit aufzubrechen und sich auf die Suche nach Neuem zu begeben, mag bedrohlich wirken, aber es ist weitaus weniger schlimm, als es scheinen mag. Es kann sogar Spaß machen und ist auf jeden Fall besser, als im alten Trott zu verharren, wenn dieser dem Niedergang geweiht ist.

Der englische Originaltitel Who moved my cheese? ist appetitanregender als der deutsche.[1] Mysteriös ist ferner, warum der deutschen Ausgabe der Zusatz „für Manager“ angedichtet wurde. Im Buch werden eigentlich Menschen in den unterschiedlichsten beruflichen Stellungen und Lebenssituationen angesprochen. Vielleicht ist des Rätsels Lösung aber, dass die Botschaft des Ratgebers insbesondere auch Managern in die Hände spielt, die für ihre Belegschaft schmerzhafte Entscheidungen fällen.

Der Ratgeber besteht aus einem Vorwort – welches warum auch immer einen Teil der Interpretation der Geschichte schon einmal vorwegnimmt und ansonsten lobt, wie toll das vorliegende Buch sei –, drei Kapiteln, einer Aufzählung der Erfolge des Autors sowie einigen weiteren Seiten Lobhudelei über den Buchinhalt, inklusive überflüssiger Wiederholungen.

Kern des Ratgebers ist das zweite Kapitel, die Mäuse-Parabel. Da sind zwei Mäuse sowie zwei mausgroße Menschen in einem Labyrinth auf der Suche nach Käse. Erst finden sie einen großen Vorrat, dann verschwindet dieser. Das Buch erzählt, wie die unterschiedlichen Charaktere mit der Situation umgehen. Das Bild von käseliebenden Minimenschen hier und Mäusen da mag sich gut einprägen; insofern ist es vielleicht eine geschickte Wahl. Ansonsten konnte ich keinen guten Grund entdecken, warum es zwei Mäuse einerseits und zwei Minimenschen andererseits sein mussten.[2] Vier Mäuse hätten es auch getan – oder vier Menschen.

Es wirkt ein bisschen, als hätte sich der Autor nicht entscheiden können, ob er eine Fabel oder eine Parabel schreibt. Eine fabelhafte Parabel wurde es meiner Meinung nach nicht. Der Text hätte kürzer sein dürfen, aber vielleicht hätte es dann nicht nach einem „richtigen“ Buch ausgesehen … Was bleibt, und zwar mehr als deutlich, ist die Botschaft: Lass dich nicht von Sorgen lähmen. Stemme dich nicht gegen Veränderungen, nutze sie.

Der schönste Satz im Buch ist vielleicht diese Frage: „Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?“

Offenheit gegenüber Veränderungen ist ein guter Rat und eine Lehre, die man nicht nur in Ratgebern finden, sondern auch aus der darwinistischen Evolutionstheorie ziehen kann. In „Die Mäuse-Strategie für Manager“ wird mir der Gedanke allerdings etwas zu einseitig vorgetragen. Dass Veränderungen manchmal wirklich nachteilig, aber auch reversibel sein können und eine Rebellion gegen sie sinnvoll sein kann, wird bei 100 Seiten mit ganzen zwei Sätzen angedeutet: „Manche Dinge, denke ich, sollten sich nicht ändern […] Ich möchte zum Beispiel an meinen Grundwerten festhalten.“

Ironie am Ende des Buches:[3] In der Aufzählung von Unternehmen, in denen die Mäuse-Strategie angewendet werde, tauchen Namen wie Eastman Kodak und General Motors auf. Der ehemals größte Autohersteller der Welt musste 2009 zwischenzeitlich Insolvenz anmelden. Kodak brachte das Kunststück fertig, Pionier der Entwicklung von Digitalkameras zu sein und dennoch ihren Siegeszug zu verschlafen. Von der Firma sind klägliche Reste übrig; der Name wird heute auf Produkte anderer Hersteller gepappt. Außerdem finden sich in der Mäuse-Strategie-Liste Banken, die während der Finanzkrise im Jahr 2008 nur durch Übernahme oder Nothilfe der US-Regierung gerettet wurden, nachdem sie sich heftig verspekuliert hatten.


[1]
Der Originaltitel Who moved my cheese? wird vom Untertitel An a-mazing way to deal with change in your work and in your life begleitet. Hintergrund der Schreibweise a-mazing ist, dass die Parabel in einem Labyrinth, englisch maze, spielt.
[2]
Nach der Widmung sind zwei Zeilen aus Robert Burns’ Gedicht To a Mouse abgedruckt: „Die wohl bedachten Pläne von Mäusen und Menschen führen allzu oft zu nichts.“ Dieses Zitat mag auch auf John Steinbecks Roman Of Mice and Men, der seinen Titel aus denselben Gedichtzeilen ableitet, verweisen.
[3]
Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 2000. Das Original ist von 1998.

Kommentare

  1. Käseliebende Minimenschen werden immer wieder diskriminiert, indem sie mit Mäusen in ein Verließ gesperrt werden.
    Ziel ist es, den Willen der Minimenschen zu brechen und ihnen dann ihre Käseliebe - und damit ihren Geist - zu brechen.
    Jedenfalls habe ich das irgendwo gelesen. Ich weiß aber nicht mehr genau, wo ...

  2. @1: Das könnte ein veganes Kochbuch gewesen sein …