Inspirationen für Aneamal

Fast alle Seiten, die Du auf dieser Netzpräsenz lesen kannst, tippe ich in einem einfachen Texteditor, als wäre mein Rechner eine alte Schreibmaschine. Formatierungen wie Fettdruck, Links oder das Einbinden von Bildern gebe ich dabei mit der Auszeichnungssprache Aneamal ein. „Auszeichnungssprache“ mag kompliziert klingen, heißt aber beispielsweise nur, dass ich vor und nach kursiv zu druckendem Text Tilden tippe. Für clavier d’ordinateur gebe ich also ~clavier d’ordinateur~ ein.[1]

Es gibt viel mehr Auszeichnungssprachen als Aneamal. So steht der Name Aneamal auch für „eine weitere einfache Auszeichnungssprache“ (another easy markup language). Man könnte einen ganzen Zoo mit den bestehenden Sprachen und den dazugehörigen Programmen füllen. Wie Tierarten im Zoo weisen sie sowohl Gemeinsamkeiten als auch wesentliche Unterschiede auf.

Als ich Aneamal Anfang 2010 zu entwickeln begann, kannte ich nicht nur HTML, XML, CSS, LaTeX, SQL und mehrere Programmiersprachen, sondern hatte in Form von BBCode und WikiMarkup auch mit vereinfachten Auszeichnungssprachen gearbeitet, mir die Syntax weiterer angeschaut und bereits verschiedene Ansätze entwickelt.[2] Aneamal entstand also nicht im luftleeren Raum. Woher Einflüsse und Ideen für Aneamal-Elemente kamen, notiere ich im Folgenden.

1.

Einige Syntaxelemente sind allerdings so offensichtlich selbsterklärend, dass sie keiner Inspiration bedurften. Das trifft auf den Fußnotenstrich zu; nummerierte Listen beginnen je nach Art der Nummerierung mit 0., 1., a., A., i. oder I.; Zeilenumbrüche und Absätze sind genauso selbsterklärend.

*

Dass Worte mit Sternchen * hervorgehoben werden, kannte ich als informellen Brauch aus E-Mails und Textchats. In Aneamal werden sie in Fettdruck übersetzt. Durchs Einfassen in Unterstriche _ angedeutete Unterstreichungen sowie Zitate, in denen jede Zeile mit > beginnt, kannte ich ebenfalls aus dem elektronischen Schriftverkehr. Letztere wurden in Aneamal zu Miniseiten.

~

Aus dem elektronischen Schriftverkehr kannte ich ebenfalls Schrägstriche als Markierung für kursiven Text. Da Schrägstriche in unserer alltäglichen Schrift anstelle von „und“ und „oder“ üblich sind, fand ich jene Auszeichnung aber ungünstig. Ohne Vorbild entschied ich mich daher schon vor Jahren in Hilfedateien zu einem Online-Editor von mir für die Tilde, weil sie wie Kursivschrift einen „fließenden“ Eindruck vermittelt.

->

Der Pfeil als Zeichen für einen Verweis entspringt auch einem eigenen, in meinen Augen naheliegenden Gedanken. Eckige Klammern, wie andere Sprachen sie für Links verwenden, habe ich nie mit Verknüpfungen assoziiert. In Verbindung mit dem Pfeil tauchen eckige Klammern in Aneamal aber beim Einbinden von Dateien auf. Einen den Dateityp identifizierenden Buchstaben einschließend erinnern sie an Dateisymbole: [t]

`

Zum Gruppieren von Wörtern verwende ich den Gravis ` ob seiner Unauffälligkeit[3] und weil er in natürlichen Texten nicht allein vorkommt. Gruppierungen sollen unaufdringlich sein, weil sie für sich genommen keine besondere Funktion im Text haben, sondern diese erst in Verbindung mit einem anderen Auszeichnungselement wie dem Linkpfeil bekommen. Den Gravis nutzte ich schon in Montimum.

#

Das Zeichen # als Markierung von Sprungmarken passt ausgezeichnet zum Aufbau von URLs, in denen es das URL-Fragment einleitet, welches von Browsern standardmäßig als Verweis auf eine entsprechend markierte Stelle eines Dokumentes interpretiert wird. Mich haben allerdings auch die Hashtags des Kurznachrichtendienstes Twitter darauf gebracht, obwohl ihre Funktion eine andere ist.

^

Das Setzen von Verweisen auf Fußnoten mit ^ orientiert sich am allgemeinen Gebrauch dieses Zeichens zum Hochstellen von Text, wie es für Formeln auch unter TeX üblich ist oder wie der Browser Lynx es nutzt. Im ursprünglichen Entwurf hatte ich dieses Zeichen mit Kapitälchen belegt.

---

Überschriften gehören zu den ersten Elementen, über die man stolpert, wenn man Wikipedia bearbeitet. Ich mochte an der Wiki-Syntax nie, dass die Auszeichnungselemente umso mehr Gewicht einnehmen, je unbedeutender die Überschrift ist. Ich wählte in Abgrenzung dazu ein Umfassen mit ===, --- oder - -, wobei die Hauptüberschrift auch optisch am stärksten hervortritt.

%

TeX entlehnte ich mit % am Zeilenanfang beginnende Kommentare, außerdem die im Fließtext mit $ und als längerer Block mit $$ umschlossenen Formelbereiche.[4] Das Zeichen @ am Zeilenanfang von Metaangaben gibt es in TeX nicht. Ich wählte es aufgrund seiner Ähnlichkeit zum Kommentar-Prozentzeichen,[5] weil weder Meta- noch Kommentarzeilen im vom Konverter ausgegebenen Text lesbar erscheinen.

\

Den Backslash \ zum Aufheben der speziellen Bedeutung eines Zeichens kannte ich aus Programmiersprachen wie PHP und C++ sowie von regulären Ausdrücken. Den Backslash am Ende einer Zeile zu verwenden, um diese mit der nächsten zu verschmelzen, entschied ich dann ohne direktes Vorbild. Mittlerweile weiß ich, dass dies auch in CSS-Strings und Python so gehandhabt wird.

<>

Auch <> am Zeilenanfang für Stichpunkte einer Aufzählungsliste wählte ich ohne Vorbild. Davon ist die Syntax der Zuordnungsliste <…> abgeleitet. Per Zuordnungsliste mit zwei Schlüsselwörtern <…><…> lassen sich einfache Tabellen generieren. Die Idee dafür kam mir beim Lesen des englischen Wikipedia-Artikels Wide and Narrow Data. Man tippt Daten nach dem Narrow-Data-Konzept ein, die Ausgabe erfolgt als Wide Data.[6]

|

Nicht nur Vorbilder oder Assoziation tragen zur Auswahl von Symbolen bei, sondern auch Zwänge durch den zur Neige gehenden Zeichenvorrat, zumal Buchstaben, Ziffern, Satz- und wenige andere Zeichen wegen ihrer häufigen Verwendung im normalen Text als Auszeichnungselemente nicht oder wenig geeignet sind.[7]

So werden Quelltextschnipsel mit senkrechten Striche umschlossen, wobei es wohl kaum eine intuitive Auszeichnung für diese Anwendung gibt. Die Wahl erwies sich aber als günstig, da bei den damit verwandten, später eingeführten vorformatierten Blöcken die senkrechten Striche | am Zeilenbeginn eine durchgehende Linie ergeben und so die Einheit des Blocks unterstreichen. Jene Variante fand ich in einer E-Mail.

{ }

Hinweise als Tooltips mit Klammern zu umschließen, war naheliegend, weil man im Schriftverkehr Zusätze oft mit Klammern umschließt. Die geschweiften Klammern boten sich an, da sie im normalen Schriftverkehr kaum auftauchen und ich keinen Konflikt mit klassisch eingesetzten Klammern wollte.

&

Manchmal möchte man mehr, als Aneamal standardmäßig bietet, wie Text einfärben oder durchstreichen. Dafür können fortgeschrittene Autoren für Platzhalter wie &1, also dem &-Zeichen mit angehängter Ziffer oder angehängtem Buchstaben, HTML-Code hinterlegen. Das &-Zeichen mag an HTML-Zeichenreferenzen erinnern, die Idee fußt allerdings auch auf dem Suchen-und-Ersetzen mit regulären Ausdrücken unter PHP.


[1]
Vom Aneamal-Konverter auf dem Server werden die Dateien automatisch ins für Browser verständliche HTML übersetzt. Aneamal habe ich selbst entwickelt, den zugehörigen Konverter programmiert und zur freien Verwendung veröffentlicht.
[2]
Diese Netzpräsenz ist etwas älter als Aneamal; so lief sie zunächst gut ein Jahr lang mit Montimum. Damalige Bildersammlungen wie das Brandenburgische Album nutzten ein XML-Format. Vor dieser Netzpräsenz hatte ich mit einer XML-Variante auch einen Blog für meinen Hund eingerichtet. Für Bewerbungen in Webseitenform hatte ich einen Parser für eine Sprache im BBCode-Stil gebaut und verwendet. Vom Ansatz Aneamal am ähnlichsten war aber eine Syntax für die Hilfeseiten zu einem browserbasierten Texteditor namens o: mit mathematischen Fähigkeiten.
Bei dieser Aufzählung verschiedener Anläufe liegt die Frage nahe, ob Aneamal ein weiterer Stichpunkt in einer Liste von Datenformaten sein wird, die nur kurz genutzt wurden. Nein, jenes Schicksal droht nicht: Frühere Anläufe waren nicht umsonst, sondern lehrreich, wodurch Aneamal besser wurde. Tatsächlich nutze ich Aneamal kontinuierlich seit mehr als vier Jahren aktiv auf dieser und anderen Netzpräsenzen. Die Auszeichnungssprache habe ich ausführlich und öffentlich dokumentiert und in den zurückliegenden Jahren immer weiterentwickelt.
[3]
Der Gravis nutzt wie ein Punkt nur wenig schwarze Pixel auf weißem Grund.
[4]
Wer in TeX/LaTeX bewandert ist, hat vermutlich schon gehört, dass in der TeX-Gemeinschaft von der Verwendung von $$ zugunsten einer anderen Syntax abgeraten wird. Davon sollten sich Aneamal-Nutzer nicht irritieren lassen, denn $$ in Aneamal kann nach Belieben auch in andere TeX/LaTeX-Umgebungen übersetzt werden.
[5]
Die Zeichen @ und % füllen insbesondere in Schriftarten mit konstanter Zeichenbreite den Platz vergleichsweise stark aus: Sie sind bei schwarzer Schrift auf weißem Grund dunkel. Von Weitem oder unscharf betrachtet erzeugen @ und % einen ähnlichen optischen Eindruck, sind aber von Nahem und scharf betrachtet gut unterscheidbar.
[6]
Für eine einfache Auszeichnungssprache mag der strukturelle Unterschied zwischen nach dem Narrow-Data-Konzept getippten Text und der Wide-Data-Ausgabe des Konverters ungewöhnlich sein. Die Narrow-Data-Eingabe passt aber besser zum Tippen im Schreibmaschinenstil als Wide-Data-Versuche, wie sie von allen anderen Auszeichnungssprachen mit Tabellensyntax genutzt werden, die ich prüfte. Dort verursachen Änderungen fast immer Verschiebungen, welche die Verständlichkeit gefährden. Ähnliches gilt für Änderungen der Größe des Eingabefensters.
[7]
Für eine breite Kompatibilität beschränkte ich mich auf den Zeichensatz ASCII für Auszeichnungselemente, da ASCII als kleinster gemeinsamer Nenner in vielen umfangreicheren Zeichensätzen enthalten ist und ASCII-Zeichen über die meisten Tastaturen leicht eingegeben werden können. Hier sämtliche druckbare ASCII-Zeichen: ! " # $ % & ' ( ) * + , - . / 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 : ; < = > ? @ A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z [ \ ] ^ _ ` a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z { | } ~