Im Olympischen Dorf von 1936

Elstal, westlich von Berlin, 8. Juni 2013

Detail des Hindenburghauses Hindenburghaus Labrador Retriever auf historischer Fläche Sozialistischer Plattenbau
Hindenburghaus und jüngere Plattenbauten mit verschiedenen Ideen, wie man ein Betreten durch Unbefugte verhindert – eine Methode fiel beim Labrador-Retriever-Test durch

Das Olympische Dorf in Elstal bei Wustermark ist das älteste (in Teilen) erhaltene der neuzeitlichen Olympischen Spiele. Dass es 77 Jahre nach der Austragung des weltgrößten Sportfestes in Berlin noch steht, verdankt es dem Umstand, dass seine Auftraggeber von Beginn an eine militärische Nachnutzung als Kaserne im Sinn hatten. Dass für Jahrzehnte kommunistische Sowjetsoldaten ihre Bewohner sein würden, ahnten die Erbauer des Dorfes allerdings nicht.

Zugemauertes Fenster Ehemalige Sportlerunterkunft Sportlerunterkünfte Eingang zur Schwimmhalle
Sportlerunterkünfte und Schwimmhalle – löblich, dass man beim Zumauern der Fenster ans Einrichten von Insektenwohnungen dachte

„Jesse“ Owens – quasi ein Teil meiner Familie[1] – ging mit Goldmedaillen im 100- und 200-Meter-Sprint, mit der 4-mal-100-Meter-Staffel sowie im Weitsprung als Lichtgestalt der Olympischen Sommerspiele von 1936 in die Geschichte ein. In seinem Heimatland, in dem damals in vielen Lebensbereichen noch Rassentrennung herrschte, hielt sich die offizielle Anerkennung der Leistungen des US-Amerikaners leider in Grenzen.

Als teilnehmerstärkste Mannschaft konnten sich die Athleten des Deutschen Reiches über die meisten Medaillen freuen. Der Turner Konrad Frey errang sechsmal Edelmetall, darunter dreimal Gold. Am meisten Zuschauer lockte der Fußball in die Stadien. Das frühe und überraschende Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft kostete den damaligen Trainer das Amt und markierte so den Beginn der Ära Herberger.

Speisehaus der Nationen Terrasse des Speisehauses der Nationen Hof des Speisehauses der Nationen Speisekarte
Speisehaus der Nationen – eigentlich ein Traumziel für meinen vierbeinigen Freund Migo, doch leider hatte die Küche geschlossen

Ein zum Bleiben erbautes Olympisches Dorf war nicht das einzige Novum der Spiele in der deutschen Hauptstadt; 1936 feierte der Fackellauf von Griechenland an den Austragungsort seine Premiere und eine mediale Revolution war im Gange: Erstmals wurde ein sportliches Großereignis im Rundfunk direkt übertragen, just während das Geschehen seinen Lauf nahm – und das nicht nur im Radio.

Auf unsichtbare, elektromagnetische Wellen in der Luft moduliert fanden bewegte Bilder ihren Weg in die wenigen Fernsehstuben im Land wie auch durchs Blau des Himmels hinaus ins Weltall. So ist „der Führer“ und Reichskanzler Adolf Hitler bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Ton und Bild die erste Botschaft, die außerirdische Lebensformen von uns Erdenbürgern in Carl Sagans Roman „Contact“ empfangen.

Fenster der Turnhalle Hydrant Rostige Türen Abblätternder Anstrich
Fenster zur Turnhalle und das Wirken der Zeit

Rückblickend betrachtet hatten die Deutschen mit Olympischen Spielen in ihrem Land allerdings kein glückliches Händchen. 1916 hätte Berlin schon ihr Schauplatz sein sollen, doch des wütenden Ersten Weltkrieges wegen fanden sie weder in der der deutschen Hauptstadt noch sonst irgendwo auf der Welt statt.

Bei den Spielen von 1936 wehte außer der olympischen die nationalsozialistische Hakenkreuzflagge über Berlin. Die Verfolgung von politisch anders Denkenden, Juden, Roma, Homosexuellen hatte längst begonnen, wenn sie auch für die Zeit der international aufmerksam verfolgten sportlichen Wettkämpfe nicht offen demonstriert wurde. Nur drei Jahre dauerte es noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges.

36 Jahre später überschattete die Geiselnahme und Ermordung eines Teils der israelischen Mannschaft durch palästinensische Angreifer in München die Olympischen Sommerspiele von 1972. Befreiungsbemühungen der deutschen Polizei scheiterten katastrophal.

Holzhäuschen für den Eintrittskartenverkauf Eingang des Jesse-Owens-Hauses Sitzbänke mit hölzener Sitzfläche Wachtürmchen am Eingang
Eintrittskartenverkauf, Eingang zum Jesse-Owens-Haus, Bänke am Sportplatz, Wachhäuschen

Heute ist das Olympische Dorf in Elstal im Besitz der DKB-Stiftung für gesellschaftliches Engagement. Es kann von Anfang April bis Ende Oktober täglich besichtigt werden. Hat man es einmal nach Elstal geschafft, liegt auch ein Besuch des Schaugeheges der Sielmann-Naturlandschaft Döberitzer Heide nahe, nämlich auf der anderen Seite der Bundesstraße 5.


[1]
Oder um es präziser zu formulieren: Meiner Mutter Vater Mutter gelang es, ein Autogramm von Jesse Owens zu ergattern.

Kommentare

  1. Das erinnert mich an das Werner-Alfred-Bad, in dem ich sogar einst selbst geschwommen bin ( http://de.wikipedia.org/wiki/Werner-Alfred-Bad ). Manchmal ist es schade, wie Erhaltenswertes über Jahrzehnte dahinsiecht. Hätte man aus den Bauten und der Umgebung unter anderen Umständen vielleicht mehr machen können?

  2. Diese Frage stellte ich mir auch vor Ort: Kann man mehr daraus machen? Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich der ganze Komplex durch Einnahmen von Besuchern instandsetzen und erhalten lässt. Wer weiß, was die DKB-Stiftung für Ideen zur weiteren Entwicklung hat …

    Du hast die Umgebung angesprochen: Da wäre zu erwähnen, dass der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, ein Zusammenschluss vor allem der meisten Baptistengemeinden, in Elstal seine Fachhochschule, ein zentrales Archiv und die Bundesgeschäftsstelle eingerichtet hat. Das ist schon einmal etwas.

    Ich denke, dass Elstal mit seiner kurzen, aber interessanten Historie, der Heide, der guten Verkehrsanbindung und der Lage bei Berlin mittelfristig ein solides Entwicklungspotenzial haben müsste, auch wenn der ursprüngliche Ortskern um die Kirche mit leerstehenden Ladenräumen bei meinem Besuch nicht gerade lebendig aussah.

    Was mich persönlich nicht anzieht, aber für die Ortschaft wahrscheinlich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat, ist ein in Elstal ansässiges „Factory-Outlet-Center“. Auf meiner Fahrt nach Elstal stiegen die allermeisten Fahrgäste dort aus dem Bus. Falls da gute Steuereinnahmen anfallen und im Ort bleiben, wäre es wünschenswert, wenn davon zur Entwicklung der historischen Eisenbahnersiedlung und dem Olympischen Dorf etwas eingesetzt werden könnte,

    findet Martin

  3. Danke, sehr interessant!

  4. Gern geschehen!