Der Tod liegt auf der Straße

Wo man hinsieht, liegt Müll: Flaschen, Metallstücken, Papierfetzen, Tüten und Plastikteile. Allerdings wird zu wenig hingesehen, denn offenbar fehlt vielen Menschen noch das Bewusstsein für jenen Schaden, den Abfall in unserer Umwelt verursacht. Ansonsten wäre das Problem nicht so groß – und es ist groß. Für unzählige Tiere ist es tödlich.

Beispielhafte Bestandsaufnahme

Unrat liegt nicht nur dort, wo Glasscherben unter den Schuhsohlen knirschen, einem Kunststofftüten ins Gesicht flattern oder man im Wald über wilde Müllplätze stolpert. In und um menschlichen Siedlungsraum findet er sich quasi überall. In meiner Straße, nur ein paar Meter von meinem Haus entfernt, wo der Wind auch etwas Laub zusammengetrieben hat, machte ich eine Stichprobe.

Mein Untersuchungsfeld: Am Bordstein liegt nicht nur Laub.

Auf knapp sieben Meter Länge und wenige Zentimeter Breite wühlte ich mich mit bloßen Händen durch die Blätter am Straßenrand. Ich durchsiebte das Laub nicht, sondern griff und beseitigte nur, was mir innerhalb weniger Minuten ins Auge fiel. Meine Fundliste stellt somit nur einen Mindestbestand des Unrats dar, der sich dort tatsächlich befand:

Insgesamt kam ich auf deutlich mehr als einhundert Fundstücke, die überwiegende Mehrheit aus Kunststoff.

Rauchen kann tödlich sein

Die Stichprobe aus meiner Straße weist Zigarettenkippen als häufigste Einzelposition auf. Zum gleichen Ergebnis kommt eine Auswertung von mehr als 100 Millionen Funden bei Säuberungsaktionen an Küsten der Jahre 1989–2007. Bei circa einem Viertel der angespülter Teile handelt es sich um Zigarettenkippen.[1] Zigarettenkippen sind giftig, da genau dies der Zweck eines Zigarettenfilters ist: Schadstoffe sammeln.

Liebe Raucher, tragen Sie neben Feuerzeug und Zigaretten stets eine geeignete Metall- oder Keramikdose für Kippen bei sich. Dann geraten Sie nicht in Verlegenheit, nicht zu wissen, wo Sie in Abwesenheit eines Aschenbechers die Filter ohne Brandgefahr entsorgen können. Denn wie ein Taschentuch sollte man einen Zigarettenstummel natürlich nicht in die Hosentasche stecken.

Zigarettenschachtel: Nicht nur Pappe, sondern auch Alu- und Kunststofffolie.

Überrascht hat mich außerdem die auffällig große Zahl von Zigarettenschachteln, die ich beim Spazieren an Perleberger Straßenrändern entdeckte. Ob das eine versteckte Aufforderung mancher Konsumenten ist, ein Pfandsystem für Zigarettenpackungen einzuführen? Hoffentlich ist ein Umdenken auch ohne solch eine Regelung möglich.

Plastikopfer

Was uns gegebenenfalls als unschöner Kehricht erscheint, ist für Tiere oft tödlich. Beispielsweise nutzen Vögel Müll als Baumaterial ihrer Nester. Folien darin lassen Wasser nicht abfließen. Als Folge sterben Küken in der Staunässe an Unterkühlung. Verfängt sich ein Tier in einer Schnur, kann dies zum Abschnüren von Gliedmaßen führen.[2] Andere Tiere erdrosseln sich mit Garnen oder Ringen. Verschluckte Kunststoffe führen zu verschlossenen Verdauungstrakten, sodass die Tiere mit vollem Bauch verhungern.[3]

Überreste eines an zahlreichen Plastikteilen verendeten Albatroskükens.[4]

Über die rein mechanische Wirkung hinaus bringen Kunststoffe weitere Gefahren. Durch Umwelteinflüsse mit der Zeit in immer kleinere Partikel zerlegt, setzen sie immer mehr Giftstoffe frei.[5] Die schädliche Wirkung mancher Weichmacher auf die Fortpflanzung etwa ist hinreichend belegt, um zu einem Verbot in Kinderspielzeug geführt zu haben. Darüber hinaus stehen sie im Verdacht, krebserregend zu sein.[6]

Was aus dem Kinderspielzeug verbannt ist, könnte allerdings in Fischstäbchenform auf dem Mittagstisch landen. Kleinste Kunststoffpartikel und die von ihnen freigesetzten Stoffe werden in der Natur von Tieren aufgenommen, angereichert und können auf diesem Weg am Ende der Nahrungskette wieder beim Menschen ankommen.[7]

Die alltägliche Ölpest

Der Weg in die menschliche Nahrungskette führt dabei durch die See. Über unsere Flüsse gelangen Plastikabfälle ins Meer und sammeln sich dort am Grund oder unter der Wasseroberfläche, zusammengetrieben von globalen Meeresströmungen.[8] Obwohl die genaue Masse kaum zu ermitteln ist, steht fest, dass die Mengen enorm sind.

Innerhalb großer ozeanischen Strömungswirbeln kann sich Müll ansammeln.[9]

Gesamtschätzungen des Kunststofftreibguts bewegen sich in der Größenordnung von hundert Millionen Tonnen.[10] Zum Vergleich: Durch das Unglück um die Bohrplattform Deepwater Horizon gelangte eine geschätzte Masse von höchstens einer Million Tonnen Öl ins Meer. Da auch große Teile unserer Kunststoffe auf der Basis von Erdöl hergestellt werden, lässt sich beim Plastikmüll in der Umwelt von der vielleicht größten Ölkatastrophe unseres Planeten sprechen.

Ihren Ursprung hat die Katastrophe vor unserer Haustür. Obwohl Forschung, Politik und Wirtschaft die Macht besitzen, Produktion, Einsatz, Wiederverwertung und Entsorgung von Kunststoffen zu verbessern, haben letztendlich wir Verbraucher es in der Hand, mit unserem Müll verantwortlich umzugehen. Zigarettenschachteln und Bonbonfolien in der Gosse hat sicherlich kein skrupelloser Großkonzern dort entsorgt.


[1]
UNEP: Marine Litter: A Global Challenge. April 2009. Seite 195, abgerufen am 11. April 2011.
[2]
Jörg Heyna: Nestfremdkörper. Abgerufen am 11. April 2011.
[3]
Abenteuer Wissen: Fluch der bunten Plastikwelt. Abgerufen am 11. April 2011.
[4]
Foto: Duncan Wright, USFWS. Entnommen bei Wikimedia Commons am 11. April 2011.
[5]
Abenteuer Wissen: Strandgut – bunt und giftig. 6. April 2011. Abgerufen am 11. April 2011.
[6]
NDR: Weichmacher: Chemikalien mit Nebenwirkungen. 4. Mai 2010. Abgerufen am 11. April 2011.
[7]
Abenteuer Wissen: Am Ende der Nahrungskette. 6. April 2011. Abgerufen am 11. April 2011.
[8]
Abenteuer Wissen: Das Meer als Müllhalde. 6. April 2011. Abgerufen am 11. April 2011.
[9]
Abbildung: NOAA. Entnommen bei Wikimedia Commons am 12. April 2011.
[10]
Richard Grant: Drowning in plastic: The Great Pacific Garbage Patch is twice the size of France. The Telegraph, 24. April 2009. Abgerufen am 11. April 2011.

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