Ausflug zu den Weinbergen

Anstatt der üblichen Neujahrsvorsätze nahm ich mir fürs Jahr 2011 Wanderungen vor. Das erste und nächste Ziel: die Weinberge in Perleberg. Am Nachmittag des 10. Januars stiefelten Migo und ich los. Umrundet hatten wir die Hügelkette schon zuvor, überquert ebenfalls, allerdings ohne den höchsten Gipfel aufzusuchen. Genau das stand nun auf unserem Plan.

Hochwasser der Stepenitz

Der Wasserstand der Stepenitz hatte vermutlich am Morgen oder Vormittag seinen Höchststand erreicht, gespeist vom geschmolzenen Schnee und Eis aus dem Norden der Prignitz. So reichte der Fluss, als wir am Westufer die Ortsumgehung der Bundesstraßen 189 und 5 um Perleberg unterquerten, bis heran an den Fußweg – wahrscheinlich der tiefste Punkt unserer Wanderung, denn ins Wasser tauchten Migo und ich nicht ein.

Flussaufwärts in Wolfshagen herrschte die Hochwasser-Alarmstufe II, während für Perleberg nur Alarmstufe I von vier möglichen ausgelöst war.[1] Ein Grund für die entspanntere Lage in der Kreisstadt dürften die Überschwemmungsflächen nördlich der Neuen Mühle sein, die durch einen 780 Meter langen Damm begrenzt das Hochwasserrückhaltebecken mit einem Haltevermögen von 2,3 Milliarden Litern bilden.

Dammkrone des Hochwasserrückhaltebeckens an der Neuen Mühle

Migo und ich überquerten die Stepenitz zweimal: über die Holzbrücke aufs Ostufer und gleich danach auf der Dammkrone und über die Stahlbetonbrücke zurück an das Westufer. Ein Blick vom Damm hinab verriet, dass bereits Wasser von den überschwemmten Flächen zurück in den Fluss floss. Im letzten Frühjahr nutzte Migo die gleiche Lage, um vorzugeben auf dem Wasser laufen zu können.

Von Bäumen und Bergen

Viel Wald um Perleberg herum ist Nutzwald, in dem vor allem Kiefern wachsen. Gepflanzt werden sie äußerst dicht beieinander. Die Bäume schießen dann schnell und kerzengerade in den Himmel, denn nur die Flucht nach oben sichert den Zugang zum Tageslicht. Unter die spärlichen Kronen verirren sich selbst an wolkenfreien Sommertagen so wenig Sonnenstrahlen, dass die Kiefern dort keine Äste behalten.

Viele der Bäume bleiben dabei auf der Strecke. Den Kampf um Licht und Nährstoffe verloren, fallen manche von ihnen einfach um. Nach dem reichen Schneefall im Dezember sahen wir auf unserem Weg allerdings auch zahlreiche Kiefern, die Streichhölzern gleich zerbrochen waren. Vermutlich konnten ihre dünnen, weil so rasch aufwärts gewachsenen Stämme die Schneelast der Kronen nicht tragen. Vielleicht pustete dazu noch ein Wind.

Zwischen den Weinbergen und dem Golmer Berg führt die Reetzer Straße hindurch.

Von der Reetzer Straße geht es nach Westen hinauf zu den Weinbergen, die tatsächlich so heißen, weil an ihren Hängen einst Wein gepflanzt wurde. Offenbar nicht mit nachhaltigem Erfolg – heute steht auch hier Nutzwald. Auf der anderen Seite der Straße lag der ähnlich hohe Golmer Berg, zur Kiesgewinnung mittlerweile aber größtenteils weggebaggert.

Interessant ist der Name des Golmer Berges. Er wurde nach dem Dorf Golm benannt, das bereits im 15. Jahrhundert vom Krieg verwüstet aufgegeben wurde.[2][3] Der Name Golm seinerseits stammt aus dem Westslawischen für Hügel oder Berg und ist östlich der Elbe nicht selten. Bevor der Berg nach dem Ort benannt wurde, benannte man den Ort nach dem Berg. Den Berg also letztendlich nach sich selbst: Bergesberg.

Auf dem Gipfel ein Grab

Bei einer bewaldeten Hügelkette ist es nicht notwendigerweise leicht zu wissen, wann man auf dem höchsten der Gipfel steht. In den im Netz verfügbaren Karten der LGB hatte ich jedoch vorher gesehen, dass sich auf den Weinbergen ein Lagefestpunkt befindet. In der Annahme, dass dieser strategisch günstig höchstmöglich eingerichtet sein würde, hatte ich mir vorgenommen, seine Markierung zu finden.

Von der Karte wusste ich ungefähr, wo ich suchen musste. Allerdings blieb nur wenig Zeit, da die Sonne bereits tief über dem Horizont stand und es kurz davor war, dunkel zu werden. Auf der ersten Kuppe, die Migo und ich zügig erklommen, fand ich jedoch etwas Anderes, gänzlich Unerwartetes: ein länglicher Steinhaufen mit einem verwitterten und bemoosten Holzschild am östlichen Ende – ein Grab.

Auf dem Schild steht unter einer Weintraube mit Blatt in erhabener Fraktur der Name Peter Braun, darunter erkennt man noch schwach: † 12.X.1850

Eine Suche im Netz förderte zu Tage, dass Peter Braun in Perleberg wegen Mordes zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet wurde. Später stellte sich jedoch heraus, dass nicht er der Täter war, aber die vollstreckte Todesstrafe ließ sich nicht rückgängig machen. So wurde dem unschuldig getöteten das Ehrengrab auf dem Weinberg angelegt.[4][5][6] Es sollte uns eine Mahnung sein.

Lockerer Lagefestpunkt

Auf dem zweiten Gipfel, südlicher, ließ sich der Lagefestpunkt schnell finden. Der in den Boden eingelassene Granitpfeiler ist an einer Seite mit TP für Trigonometrischer Punkt, auf der gegenüberliegenden Nordseite mit einem gleichschenkligen Dreieck gekennzeichnet. Auf der Oberseite ist zentral eine Kreuz eingearbeitet, anscheinend nachträglich aufgebohrt, und in diese Bohrung eine Hülse eingelassen.

Wir fanden den Granitpfeiler nicht mehr senkrecht im Boden vor. Der Gipfel war gerodet – womöglich hatte ein Forstfahrzeug den Pfeiler verrückt. Ein abgeplatztes Stück Granit lag nah bei dem Messpunkt, an dessen einer Ecke sich etwas Farbe zeigte, vielleicht abgekratzter Lack. Es könnte einigen Aufwand kosten, diesen Punkt wieder millimetergenau so zu setzen, wie er sitzen soll.

Lagefestpunkt mit Migo im Hintergrund

Das Ziel jedenfalls war erreicht. Knapp oberhalb von 80 Metern über dem Meeresspiegel waren Migo und ich auf dem Dach der Weinberge angekommen. Nicht der Mount Everest, aber womöglich während der letzten Jahre seltener bestiegen ;-). Der Ausblick gen Südosten zeigte ein höchst spannendes Panorama: Wald und in der Ferne Masten einer Hochspannungsleitung. Aber schön. Für einen Flachländer wie mich ist diese Weite nicht alltäglich.

Wie auf Schienen nach Hause

Von den Weinbergen hinab ging es durch einen Krater im Hang weiter nach Westen. Am Fuß der Hügelkette zieht sich ein schnurgerader Weg durch den Wald. Abgesehen von einem langgezogenen Bogen bricht er seitwärts nicht aus. Im Gegensatz zu anderen Forstwegen in Perleberg kennt dieser Weg aber auch kein Auf oder Ab. Unebenheiten der Landschaft wurden beim Bau durch aufgeschüttete Dammstücken ausgeglichen.

Rehe während des Sonnenuntergangs

Ein solcher Aufwand für einen Waldweg? Nein. Einst lagen hier die Gleise der Westprignitzer Kreisringbahn auf der Strecke zwischen Perleberg Nord und Groß Buchholz. Während die Sonne am Horizont hinter den Bäumen verschwand und den Himmel dem Mond überließ, folgten Migo und ich der alten Bahnstrecke über die Perle hinweg, die Schmelzwasser führte, und überquerten auf dem Heimweg die Fahrbahn der Ortsumgehung.

Der Weg zusammengefasst

Länge: circa 8,5 Kilometer.


[1]
Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz – Hochwassermeldezentrum Potsdam: Hochwasserinformation Nr. 2 für das Flussgebiet Stepenitz vom 10.01.2011.
[2]
Lienhard Schulz: Schild einer Wüstung namens Golm, bei Perleberg in der Prignitz, Brandenburg. Fotografiert im Juni 2005, veröffentlicht bei Wikipedia.
[3]
August Höpfner: Das Hospital St. Spiritus. In: Perleberger Reimchronik. Aus dem Original übertragen von Martin Janecke.
[4]
Birgit Hamann: Kultstätte unzugänglich. Schweriner Volkszeitung vom 08.12.2010.
[5]
Michael Beeskow: Perleberger Kulturausschuss befasst sich im Januar mit dem Galgenberg. Märkische Allgemeine vom 15.12.2010.
[6]
Michael Beeskow: Hans-Otto Rülker will Interesse für Galgenberg und Weinberg bei Schülern wecken. Märkische Allgemeine vom 29.01.2011.
[7]
Adressbuch der Stadt Perleberg von 1925. Aus dem Original übertragen und veröffentlicht von André Olejko.