Perleberger „Brückenschach“

Stell Dir vor, Du ziehst um in eine neue Stadt: Auch hier gibt es Straßen und Häuser, Imbissbuden, Zeitungskioske und Parkanlagen. Doch Dein gewohnter Stadtplan im Kopf funktioniert nicht mehr – Du musst Dir neue Wege erschließen, verirrst Dich. Orientierungslos bittest Du andere um eine Wegbeschreibung. Du wirst ständig überrascht und musst über Probleme grübeln, die Du in Deiner gewohnten Umgebung im Schlaf erledigt hättest. Du suchst den nahesten Postkasten und fragst Dich mit tropfender Nase, wo Du auf die Schnelle Taschentücher herbekommst. Niemand sagt hier „moin“, alle grüßen „hallo“. Dein Gehirn wird richtig gefordert, weil es Neues lernen darf, während Du die Welt ein zweites Mal entdeckst.

Genauso verpflanzen Schachvarianten einen Schachspieler in eine andere, herausfordernde Umgebung. Als eine solche Schachvariante schlage ich das Perleberger Brückenschach vor.

Regeln

Abgesehen von den im Folgenden benannten Unterschieden bei Spielbrettform und Bauernzug entsprechen die Regeln den üblichen Schachregeln.

Spielbrett mit Beschriftung und Grundstellung[1]

Spielbrett

Gespielt wird auf einem Brett mit 8 Linien und 9 Reihen, wobei die mittlere Reihe nur aus zwei zentralen Feldern besteht: Als Brücke verbinden sie die beiden Spielhälften. Insgesamt gibt es also 66 Felder. Die Felder sind abwechselnd hell oder dunkel.

Beschriftung

Die Linien werden wie im Standardschach von a bis h, die Reihen von 1 bis 9 beschriftet. In der Reihe 5 gibt es nur die Felder d5 und e5. Das Feld h1 ist hell.

Grundstellung

King Kong Die Grundstellung der Bauern und Figuren entspricht derer des normalen Schachs, wobei wegen der eingefügten Reihe 5 die schwarzen Bauern nun in Reihe 8, die Figuren in der Grundreihe 9 stehen.

Als Eselsbrücke für die Positionen von Dame und König eignet sich die King-Kong-Regel, benannt nach dem Film „King Kong und die weiße Frau“ von 1933. King Kong und die weiße Frau bestimmen demnach die Farbe ihrer Felder: King (englisch für König) Kong ist schwarz und steht auf einem dunkelen Feld, die Frau (Dame) ist weiß und steht auf einem hellen Feld.

Berolina-Bauern

Bei allen Bauern handelt es sich um Berolina-Bauern. Das heißt, dass sie sich diagonal vorwärts frei bewegen und geradeaus schlagen. Diese beiden Aktionen sind also gegenüber normalen Bauern vertauscht. Berolina-Bauern dürfen sich aus ihrer Grundstellung ebenfalls in einem Zug zwei Schritte bewegen. Dabei ist zu beachten, dass diese beiden Schritte in einem Zug nur in dieselbe Richtung gehen dürfen.

Wie im Standardschach können auch Berolina-Bauern en passent schlagen. Zieht ein gegnerischer Berolina-Bauer aus der Grundstellung in zwei Schritten über ein durch einen eigenen Berolina-Bauern bedrohtes leeres Feld, kann der gegnerische Berolina-Bauer durch einen unmittelbaren Angriff des eigenen auf dieses leere Feld geschlagen werden.

Die Berolina-Bewegungen sind beim Brückenschach besonders sinnvoll, da sie im Gegensatz zur Standardbewegung allen Bauern ermöglichen, aus eigener Kraft die Brücke zu überqueren.

Springer

Springer können den Graben der Reihe 5 auch ohne Benutzung der Brücke überspringen.

Spielort und Spielzeit

Als Spielorte werden Brücken empfohlen. Für die Spielzeit gilt neben sonstigen Schachregeln der Rat, einen Zug nicht länger als eine Woche hinauszuzögern. Beides sind allerdings Empfehlungen und keine verpflichtenden Vorgaben.

Name

Als Namen schlage ich aus offensichtlichen Gründen „Brückenschach“ vor. Da es womöglich auch andere Schacharten mit Brücken gibt und wahrscheinlich weitere geben wird, empfehle ich zur Vermeidung von Verwechslungen gegebenenfalls den vorauseilenden Zusatz „Perleberger“. Perleberg ist mein Wohnort und Lebensraum, eine schöne Stadt im Herzen der Prignitz auf halbem Weg zwischen Berlin[2] und Hamburg gelegen. Perleberg besitzt für eine so kleine Stadt eine Menge Brücken, die sich über verschiedene Arme des Flüsschens Stepenitz spannen.

Variationen

zerstörte Moselbrücke 1945 Durch das neue Element der Brücke sind zahlreiche Variationen möglich. Auch andere Zielsetzungen, etwa die Verteidigung der Brücke für eine bestimmte Zahl von Zügen, sind denkbar. Wie wäre es mit asymmetrischen Missionen wie dem vollständigen Sieg für einen Spieler, während sein Gegner die Brücke sprengen muss?[3] Auch hatte ich die Variante in Betracht gezogen, die Bauern sich nach Standardregeln bewegen zu lassen, sie dafür aber durch Sprung in den Graben für ein zusätzliches Brückenfeld opfern zu können. Doch ich möchte es nicht zu kompliziert machen: Das Perleberger Brückenschach ist genau wie oben beschrieben, andere Abwandlungen seien der Fantasie des Lesers überlassen.

Handikap

Als Handikap bei ungleich starken Spielern oder zum Ausgleich des Erstzugrechtes bietet sich an, das normale Remis als Sieg für den Schwächeren beziehungsweise für schwarz zu werten. Auch könnte man dem Starken eine Minderzahl an Bauern oder Figuren gewähren.


[1]
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[2]
„Berolina“ ist übrigens ein neu latinisierter Name Berlins. Erfunden wurden die Berolina-Bauern von Edmund Nebermann[4] im Jahr 1926.
[3]
Regeln für das Sprengen der Brücke wären noch zu vereinbaren.
[4]
Je nach Quelle findet man die Schreibweisen „Nebermann“ oder „Hebermann“.