August Höpfner: Perleberger Reimchronik

6. Die St. Jacobykirche. (1294 zuerst erwähnt.)

„Sankt Nikolai wird zu klein,
Ein zweites Gotteshaus muß sein;
Und da sich durch des Höchsten Gnad’
Nach Ost und Norden dehnt die Stadt,
So ziemt sich’s, daß die Dankbarkeit
Ihm einen würd’gern Tempel weiht.“

Und Perleberg mit festem Muth
Ergriff die fromme Meinung gut,
Es schaute auf das schöne Ziel,
Und sann und dachte nicht erst viel,
Und als zu Stand gebracht der Plan,
Da fing es bald zu bauen an.

Es legte Grund zu Schiff und Thurm,
Als ahnte es der Zeiten Sturm,
Es schuf sich eine Ziegelei,
Daß nicht an Steinen Mangel sei,
Und dazu gab der ärmste Mann
Den letzten Pfennig willig dran.

Und wie nun höher wuchs der Bau,
Beherrschend rings die weite Au,
So sah in Beutels Finsterniß
Die liebe Stadt mit Kümmerniß,
Und wußte keinen Rath sich nicht,
Um zu genügen ihrer Pflicht.

„O Herr im Himmel, schau herab
Und nimm die schwere Last uns ab!
Wir wollten baun zu Deiner Ehr,
Und können nun nicht weiter mehr!
Du weißt, was eine junge Stadt
Zu opfern und zu sorgen hat!

„Wohl fehlt’s noch nicht an Fleisch und Brot,
Doch thun dem Städtchen Mauern Noth,
Wir müssen starke Brücken baun,
Den Fluß vertiefen, lenken, staun,
Ein Rathhaus muß erstehen bald,
Und Alles drängt uns mit Gewalt.“

Und wie sie saßen im Gebet,
Und Consul, Probst und Bürger fleht,
Da kam es vor den Papst in Rom,
Daß der vollenden mög’ den Dom,
Und gnädig bot er Jedermann,
Der bauen hülfe, Ablaß an.

So kam das fromme Werk zu Stand
Bis auf Altar und Meßgewand.
Am Kirchfest trug der Herr Kaplan
Dem frommen Zug voran die Fahn’.
Wie war so groß die Seligkeit,
Als Sanct Jacoby ward geweiht!

(Der Ablaßbrief des Papstes Bonifacius VIII. an die Wohlthäter von St. Jacoby ist aus dem Jahre 1295. — Bemerkt sei, daß 1303 die Stadt vom Interdict wegen unverschuldeten Aufenthalts Excommunicirter innerhalb ihres Gebietes durch denselben Papst befreit, und daß 1384 namentlich der Rath wegen Umgangs mit einem Excommunicirten auf’s Neue in den Bann gethan wurde.)