Stell Dir vor, Du hast einen köstlichen, runden Kuchen vor Dir. Von der Mitte aus zum Rand machst Du zwei Schnitte und teilst den Kuchen damit in zwei ungleiche Teile. Ist es jetzt noch möglich, den ganzen Kuchen in gleich große Stücke zu schneiden – egal wie viele, egal wie schmal, Hauptsache gleich groß?
Es mag auf den ersten Blick erstaunen, aber die Antwort auf diese Frage klärt ebenfalls, ob die in zwei vorangegangenen Artikeln[1] betrachteten Folgenscharen bei negativer Diskriminante
irgendwann abbrechen oder sich unendlich weiter entwickeln.
Dieser Artikel macht sich auf die Suche nach einer Antwort. Zuerst jedoch eine Rückschau auf den positiven Fall, um dann zu betrachten, wo sich beide Szenarien unterscheiden.
In den vorangegangen Artikeln wurden
und
, also
, sowie
vorausgesetzt. Dann galten:

Dabei sind
und
die beiden reellwertigen Lösungen der quadratischen Gleichung
:

Auffällig ist zum einen, dass wegen
die Lösungen
und
als reelle Zahlen existieren, denn die Quadratwurzel der Diskriminante ist reell definiert.
Zum anderen fällt auf, dass
gelten muss, da ansonsten eine Division durch null vorgenommen würde.
gleich
könnte bei reellen Zahlen auftreten, wäre
gleich 0 und/oder
und
hätten gleiche Beträge. Da aber
vorausgesetzt wurde, ist
. Dass
ebenfalls aus den Voraussetzungen
und
folgt, zeigte ich in den Vorbetrachtungen zum Artikel über die Grenzwerte der Folgenscharen
und
.
Ist die Diskriminante negativ, sieht es anders aus. Die quadratische Gleichung besitzt keine reellen Lösungen mehr.
und
sind aber als komplexe Lösungen definiert

wobei
für die imaginäre Einheit steht. Eine Lösung ist jeweils die komplex Konjugierte der anderen Lösung, also die in der komplexen Zahlenebene an der reellen Achse gespiegelte Zahl:

Auch für komplexe Zahlen ist ein Betrag definiert. Der Betrag einer Zahl
entspricht dem Abstand zwischen
und dem Ursprung 0 in der komplexen Zahlenebene. So lässt sich der Betrag mit dem Satz des Pythagoras berechnen:
Konjugierte Zahlen besitzen stets gleiche Beträge. Auf
und
angewendet:

Für
gilt also immer
. Bedeutet dies, dass bei negativer Diskriminante die Folgen unweigerlich eine Division durch null verursachen? Nein! Denn für komplexe Zahlen folgt aus
noch nicht, dass Potenzen von
und
mit natürlichem Exponenten gleich werden. Damit dies passiert, müssen die Beträge gleich sein, aber es reicht nicht aus, dass sie gleich sind.
Argument
einer komplexen Zahl
nennt man den Winkel zwischen der positiven reellen Achse und dem im Ursprung beginnenden Strahl durch die komplexe Zahl. Berechnen lässt sich der Winkel über die Arkusfunktionen, z. B. den Arkuskosinus:

Für den Winkel
gilt demnach:

In der komplexen Zahlenebene:

Der Winkel „zwischen den Lösungen“, welcher durch die positive reelle Achse halbiert wird, beträgt
.
Mit den n-ten Wurzeln einer komplexen Zahl
meint man die
Lösungen der Gleichung
. Diese Lösungen besitzen alle denselben Betrag, sie liegen also auf einem Kreis in der komplexen Zahlenebene, dessen Mittelpunkt die 0 ist. Mehr noch: Die Lösungen teilen den Kreis, auf dem sie liegen, in
gleich große Bögen.

Damit ist ersichtlich, dass
dann gilt, wenn eine der
Wurzeln von
auf
fällt – und umgekehrt. Das passiert immer dann, wenn der Winkel
„zwischen
und
“ ein Vielfaches des Winkels
ist, denn dies ist der Winkel zwischen zwei benachbarten n-ten Wurzeln. Anders ausgedrückt: Die n-ten Potenzen von
und
sind genau dann gleich, wenn es ein
gibt, sodass
und folglich
rational ist:
nenne ich dann einen rationalen Winkel.[2]
Wie schmal Du die Kuchenstücke auch machst: Wenn sie alle gleich groß sind, lässt sich aus ihnen immer nur ein rationaler Teil des Kuchens zusammensetzen – jeder rational mögliche sogar. Hast Du allerdings mit Deinen ersten beiden Schnitten schon einen irrationalen Teil des Kuchens ausgeschnitten, kannst Du es nicht mehr schaffen, den ganzen Kuchen in gleich schmale Stücke zu zerlegen.
Anhand der bekannten Parameter
und
ist oft nur schwer zu erkennen, ob
ein rationaler Winkel ist. Man kann sich einer Lösung dieses Problems jedoch weiter annähern.

Das k-te Tschebyschow-Polynom zweiter Art[3] ist rekursiv definiert[4] als

Die Nullstellen liegen bei
Damit ist
genau dann, wenn
ein rationaler Winkel ist. Sei
ein Polynom

Dieses Polynom ist so konstruiert, dass für natürliche
stets
gilt. Ist
eine Nullstelle von
, dann ist
eine Nullstelle von
– und umgekehrt.
Aus der rekursiven Definition geht hervor, dass
ein normiertes Polynom[5] mit ganzzahligen Koeffizienten ist. Ist
ein rationaler Winkel, ist
demnach eine ganzalgebraische Zahl. Es gilt für natürliche
: