Oder „Wieso sendet Gott uns kein Zeichen?“, ist eine Frage, die ich manchmal von Menschen höre, die an ihrem Glauben zweifeln oder ihn bereits aufgegeben haben. Auch ich habe in der Vergangenheit nach Signalen gesucht und keine sicheren Zeichen gefunden. Doch ich denke, dass wegen vermisster Zeichen niemand seinen Glauben verlieren muss. Es gibt gute Gründe, wieso Gott uns seine Existenz nicht unwiderlegbar beweist. Freilich spreche ich dabei nicht für Gott, sondern beschreibe meine Sicht der Dinge.
Es mag erstaunen, dass ich diese Frage mit dem Wort „heute“ würze. Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass zu unseren Zeiten die Antwort anders aussehen muss, als zum Beispiel vor zweitausend Jahren. Begründet ist diese Veränderung in den Naturwissenschaften [1].
Vor zweitausend Jahren konnte ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, aber auch der erbetene Regen nach der Dürre, eine Botschaft im Traum oder die Heilung von einer gefährlichen Krankheit als Zeichen Gottes verstanden werden. Heute erforschen Naturwissenschaftler die Welt in uns und um uns herum. Sie entdecken und erklären Zusammenhänge. Selbst für scheinbar Zufälliges wenden sie Konzepte wie Wahrscheinlichkeitsrechnung und Chaostheorie an, die Vorgänge plausibler machen. Sie geben den Dingen zwar keinen Sinn, doch sie vermögen ein Ursache-Wirkungsnetz aufzuzeigen. Einen unmittelbaren Gotteseingriff benötigt es nicht. Es verliert idealerweise erst in der Unschärfe von Quantenbewegungen Nachvollziehbarkeit und – faszinierender noch – Vorhersehbarkeit.
Der wissenschaftliche Fortschritt bietet die Aussicht, selbst unverstandene Dinge in wenigen Jahren gut einordnen zu können. Als eine letzte Ausflucht dient zudem die Psychiatrie, um einen Teil der Wahrnehmung eines Menschen einzuordnen, der nicht anders einzuordnen ist.
Also: Wie erkennt man heute noch ein Gotteszeichen? Zwei Vorschläge:
Wie lange würde ein Zeichen Gottes wirken? Drei Generationen? Oder kürzer vielleicht? Ein Blick auf die Vorschläge aus dem vorigen Abschnitt:
Ein Zeichen Gottes müsste heute, um als solches anerkannt zu bleiben, wiederholt auftreten – freilich ohne naturgesetzmäßig erklärbar zu sein – und außerdem globale Reichweite besitzen. Jede Generation bräuchte ihren weltweiten Bruch. Dass nach einiger Zeit Gotteszeichen an Überzeugungskraft für viele Menschen verlieren, erkennt man am Misstrauen gegenüber den Zeichen alter religiöser Schriften.
In einer wissenschaftlich-vernünftig betrachteten Welt sind Zeichen Gottes gar nicht so einfach. Bedeutende Umwürfe wären notwendig. Ob wir diese überhaupt wollen und ob sie uns gut täten, ist eine Sache. Eine andere ist, ob der Anspruch an Gott gerechtfertigt ist, uns ein solches Zeichen zu senden, und Gott vorzugeben, welche Beweise wir akzeptieren. Ist das nicht vermessen? Selbst wenn man für sich persönlich nur ein kleines Zeichen verlangt, den Ausgang eines Münzwurfes [2] etwa: Sollte Gott täglich Millionen Münzwürfe beeinflussen, damit jeder an Gott glaubt?
Was ist mit dem freien Willen der Menschen? Ist dieser denn ein Fehler? Muss Gott gegen ihn unbedingt durchsetzen, dass man glaubt?
Ich denke, ein solcher Anspruch an Gott ist unangemessen. Ein ganz wichtiger Punkt dabei ist meines Erachtens dieser: Es geht bei einem Gottesbeweis nicht mehr um Glauben. Es geht doch darum, den Glauben gegen Wissen einzutauschen, ihn der Wissenschaft zu unterwerfen. Vertrauen in Gott, der Glaube, soll durch etwas vermeintlich Zuverlässigeres ersetzt werden! Beweise festigen keinen Glauben, sie schaffen ihn ab.
Wenn es einen Gott gibt, was haben wir Menschen Gott zu geben? Irdisches – wäre das nicht ein bisschen, als würde man das Geschenk eines guten Freundes nutzen, um es zu seinem Geburtstag dann zurückzugeben [3]? Nach einem Zeichen Gottes zu sagen: „Ja, Du existiert, Du hattest Recht“, wäre auch keine große Gabe. Es geht nicht um Rechthaberei. Was wir Menschen tatsächlich von uns aus geben können, ist Vertrauen in Gott, Glaube. Wir haben die Fähigkeit, uns zu entscheiden und nicht zu glauben. Es trotzdem zu tun, den Glauben zu leben ohne zu wissen: Das ist jene eine Sache, die wir Gott geben können.
Ein Beweis der Existenz Gottes würde uns dieser Möglichkeit berauben.